Pressespiegel
Kuratierte Kulturberichterstattung aus Bayern und darüber hinaus.
Thema: Theater – Formen & Rollen
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Enrique Gasa Valga zeigt mit „Dorian Gray" nach Oscar Wilde am Deutschen Theater München ein empfehlenswertes Stück Tanztheater.
Lot Vekemans' Stück „Momentum" im Gostner Hoftheater zeigt Ebba, die Frau eines machtgefährdeten Regierungschefs, der seinen politischen Rückhalt verliert, während sie ihre eigene Rolle in dieser Ehe hinterfragt.
Lamin Leroy Gibba bricht als Autor, Regisseur und Schauspieler mit eindimensionalen Zuschreibungen – von der ARD-Serie „Schwarze Früchte" bis zur Inszenierung „Die Zwillinge" am Maxim Gorki Theater – und kritisiert den Rückgang von Diversität in deutschen Kulturinstitutionen.
Kritiker Erik Zielke zieht zur Halbzeit des 63. Berliner Theatertreffens ein gemischtes Fazit: Während opulente Inszenierungen politische Themen oft zu didaktisch verhandeln, überzeugen Jaz Woodcock-Stewarts „Glasmenagerie" und Sebastian Hartmanns „Serotonin" durch ästhetische Stärke und intellektuelle Offenheit.
Schauspielerin Julia Riedler spricht im Theaterpodcast über Verausgabung auf der Bühne, den Druck auf künstlerische Arbeit und die Verbindung von Privatperson und Rolle – ab Herbst kehrt sie mit Matthias Lilienthal als Ensemble-Mitglied an die Berliner Volksbühne zurück.
Regisseur David Dietl adaptiert Ludwig Thomas Klassiker „Ein Münchner im Himmel" als Großstadtmärchen mit Maximilian Brückner als Münchner Taugenichts, der als Geist seine Beziehung zur entfremdeten Tochter (Momo Beier) kitten muss. Der Film startet am 14. Mai 2026.
Vor dem Düsseldorfer Schauspielhaus hatte das Fan-Spektakel „Glaube Liebe Fußball" von Peter Jordan und Leonard Koppelmann Premiere – als theatralische Einstimmung auf die Fußball-Europameisterschaft 2024. Rund 40 Laiendarsteller verkörperten dabei Fans verschiedener EM-Teilnehmernationen, ergänzt durch sechs Theaterstudierende und eine Live-Band. Herzstück der Inszenierung ist ein fiktives EM-Endspiel, das durch historische Filmausschnitte auf einer großen Leinwand mit dem imaginierten Spielgeschehen verknüpft wird. Aus dem Off kommentiert Radio-Legende Manni Breuckmann das Geschehen, während das Düsseldorfer Schauspielhaus-Ensemble Reporteraufgaben übernimmt. Der Aufführungsort dient anschließend als Fan-Zone für das Public Viewing der Europameisterschaft.
Sven Schlötcke, Co-Leiter des Mülheimer Theaters an der Ruhr, schildert seinen persönlichen Weg zum Theater – vom abgebrochenen Medizinstudium in der DDR über erste Erfahrungen als Requisiteur in Stralsund bis zum Regiestudium an der Hochschule „Ernst Busch" in Berlin. Als prägendes Erlebnis beschreibt er Alexander Langs Inszenierung von „Dantons Tod" am Deutschen Theater Ostberlin, die ihm Theater als Ort der dialektischen Auflösung von Identitäten und kollektiver Verbundenheit erschloss. Ausgehend davon formuliert er eine Theaterkonzeption, die den öffentlichen Raum der Verständigung gegen identitäre Abgrenzungstendenzen setzt. Schlötcke fordert, dass Theater diese Haltung auch in seinen inneren Strukturen verwirklichen müsse – weg vom Betrieb, hin zum gesellschaftlichen Labor. Als praktische Umsetzungen nennt er die Gründung des Theaterhauses Jena in den frühen 1990er-Jahren sowie strukturelle Reformen am Theater an der Ruhr, darunter einheitliche Verträge und die Abschaffung des Repertoirebetriebs.
Das Theater Magdeburg plant für Mai 2026 die Uraufführung des Stücks „Drei Minuten", in dem Regisseur Sebastian Nübling und Autor Kevin Rittberger den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt vom Dezember 2024 künstlerisch aufarbeiten wollen. Seit November 2025 formiert sich Widerstand: Am 9. November hielten rund 100 Demonstranten eine sechsstündige „Mahnwache" vor dem Theater ab, angemeldet von Denny Zenker, der dem rechten Protestbündnis „Gemeinsam für Deutschland" nahestehen soll. Zwei Petitionen – eine mit rechter Ausrichtung, eine von der Mutter eines Anschlagsopfers – fordern die Absage der Inszenierung und werfen dem Theater vor, auf Kosten der Opfer Profit zu machen. Schauspieldirektor Bastian Lomsché und Autor Rittberger betonen, das Stück solle kein Reenactment des Anschlags sein, sondern traumasensibel die Folgen für die Stadt bearbeiten. Das Theater hat ein Statement veröffentlicht, das Kritik akzeptiert, die dahinterstehende rechte Ideologie jedoch explizit benennt.
Der Kulturwissenschaftler Marc-Oliver Krampe argumentiert in einem Essay für das Themenheft „Spielraum NRW", dass Theater angesichts gesellschaftlicher Vereinzelung, Einsamkeit und des Verlusts von Gemeinschaftsorten eine neue Rolle übernehmen müsse. Statt reiner Repräsentationskunst in konventioneller Schauordnung solle das Theater zum „Dritten Ort" werden – einem Labor für Begegnung, Resonanz und demokratisches Probehandeln, in dem Publikum und Spielende gemeinsam aktiv werden. Dafür fordert Krampe einen erweiterten Kunstbegriff, der Partizipation als genuin künstlerische Technik begreift und nicht länger gegen künstlerische Exzellenz ausspielt. Auf institutioneller Ebene plädiert er für eine Reduktion konventioneller Spielplanpositionen zugunsten von Ressourcen für partizipative Formate sowie für Theaterleitungen, die sich primär als künstlerische Vermittler und Vernetzer verstehen.
Bei der Uraufführung von „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten" am Schauspielhaus Bochum am 14. Februar 2026 stürmten Teile des Publikums die Bühne und erzwangen den Abbruch der Vorstellung, nachdem Schauspieler Ole Lagerpusch einen rechtspopulistischen Schlussmonolog der Figur Romeu gesprochen hatte. Das Stück des portugiesischen Autors Tiago Rodrigues handelt von einer Anarchistenfamilie, die jährlich einen rechten Politiker entführt, um ihn zu töten, und thematisiert das Dilemma zwischen gerechtem Zorn und Selbstjustiz. Autor Martin Krumbholz analysiert den Vorfall zwei Wochen später und stellt strukturelle Fragen zur Rolle des Theaters als Kunstraum gegenüber einem offenen Diskursraum. Die stellvertretende Intendantin Angela Obst erklärte, der Monolog sei dramaturgisch zwingend und das Stück provoziere bewusst zur Reaktion; inzwischen wurde ein Sicherheitsdienst engagiert und nach den Vorstellungen werden Publikumsgespräche angeboten. Krumbholz wertet den Vorfall als Symptom einer zunehmenden gesellschaftlichen Verfeindlichung des Meinungsklimas und Unfähigkeit, gegenteilige Standpunkte auszuhalten.
Das Thalia Theater Hamburg veranstaltete am 15. April 2026 die Podiumsdiskussion „Dialog statt Echo", um die heftige Kritik an Milo Raus Inszenierung „Prozess gegen Deutschland" vom Februar 2026 aufzuarbeiten. Raus Stück hatte eine simulierte Gerichtsverhandlung über ein AfD-Verbot gezeigt und dabei auch ehemaligen AfD-Abgeordneten und ultrarechten Akteuren eine Bühne gegeben, was zu massivem internen und externen Gegenwind führte. Auf dem Podium diskutierten Hamburgs Kultursenator und Deutscher-Bühnenverein-Präsident Carsten Brosda, die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach sowie die Journalistinnen Melanie Amann und Gilda Sahebi vor einem politisch gleichgesinnten Publikum. Die Teilnehmer sprachen sich dafür aus, AfD-Sympathisanten als legitimen Teil des Diskurses anzuerkennen und ihre Meinungen kritisch zu reflektieren statt zu verbieten, auch wenn das als Zumutung empfunden werden kann. Die konkrete Frage, was eine solche Offenheit für die Theaterpraxis bedeutet, blieb laut Bericht jedoch ungeklärt.
Die Musikdarstellerin AMY gilt als eine der ersten offen trans Frauen im deutschsprachigen Musicalbereich und kämpft um gleichwertige Besetzungschancen an deutschen Theatern. Anlässlich ihrer Titelrolle in „Hedwig and The Angry Inch" am Theater Hof porträtiert Autor Roland H. Dippel die 28-Jährige, die nach ihrer Transition eine zweite Karriere begann und seither unter anderem an der Musikalischen Komödie Leipzig und den Luisenburg-Festspielen Wunsiedel auftritt. AMY wird bislang vor allem für androgyneoder queere Rollen besetzt – etwa Frank N. Furter oder Herodes –, während klassische Frauenrollen in heterosexuellen Konstellationen für sie strukturell kaum zugänglich sind. Als Hindernisse benennt der Artikel konservative Theaterleitungen, restriktive Rechteinhaber von Musicals sowie heteronormative Besetzungskonventionen. AMYs erklärtes Ziel ist es, als trans Frau dieselben Besetzungsmöglichkeiten zu erhalten wie Cis-Frauen – darunter Wunschrollen wie Mrs. Danvers in „Rebecca" oder Lady Macbeth.
Der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper hat den Vertrag mit Ballettintendant Demis Volpi am 10. Juni 2025 einvernehmlich und vorzeitig aufgelöst – nach kaum einer Spielzeit seit seinem Amtsantritt im August 2024. Auslöser waren massive interne Konflikte: Mehr als die Hälfte der Tänzerinnen und Tänzer beklagte in einem offenen Brief ein „toxisches Arbeitsklima", fünf Erste Solistinnen und Solisten verlängerten ihre Verträge nicht, und auch Ex-Ensemblemitglieder seiner früheren Düsseldorfer Kompanie erhoben schwere Vorwürfe gegen Volpis Führungsstil. Die geplante Premiere seiner Choreografie „Demian" bei den 50. Ballett-Tagen wurde bereits Ende Mai abgesagt. Übergangsweise soll ein Leitungstrio aus Lloyd Riggins, Nicolas Hartmann und Gigi Hyatt die Kompanie führen, während ein extern moderierter Prozess die Arbeitsbedingungen untersuchen und die Grundlage für eine neue Direktion schaffen soll.
Die iranisch-deutsche Mezzosopranistin und Schauspielerin Hasti Molavian, seit 2007 in Deutschland lebend und neu im Ensemble des Schauspiels Köln, veröffentlicht ein persönliches Statement über den Zustand des europäischen Theater- und Opernbetriebs. Sie beklagt eine zunehmende Mutlosigkeit und politische Haltungslosigkeit an Kulturinstitutionen, die gesellschaftskritische Auseinandersetzungen zugunsten von Unterhaltung und Eskapismus aufgäben. Als Beispiel nennt sie die diesjährige „Meistersinger"-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen, die sie als entpolitisiert und harmlos kritisiert. Vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts und der Angriffe auf Teheran beschreibt Molavian eine kollektive Sprachlosigkeit, in der echte Diskurse durch Identitätsfallen und eindimensionale Kommunikation blockiert würden. Sie appelliert an das Theater als Ort des Widerspruchs und des gemeinsamen „Wir", den sie in der gegenwärtigen Praxis vieler Häuser vermisst.
Der Mainzer Schauspieldramaturg Boris C. Motzki legt in seinem Essay dar, wie unterschiedlich Kunst und Journalismus mit Zeit umgehen: Während der Journalismus tagesaktuelle Reaktion erfordert, braucht das Theater Distanz und Reifeprozesse, um Themen künstlerisch zu transformieren. Anhand historischer Beispiele – von Ionescos Darmstädter Skandalinszenierung (1957) über Peter Zadeks Kölner Arbeit (1958) bis zu Marina Abramovićs Performance „The Artist Is Present" (2010) – zeigt er, wie Zeit im Theater gedehnt, verdichtet und als Provokationsmittel eingesetzt werden kann. Motzki argumentiert, dass das Alleinstellungsmerkmal des Theaters in der Vergänglichkeit des Live-Erlebnisses liegt, das auch nach der Pandemie wieder an Bedeutung gewonnen hat. Er kritisiert sowohl überhastete Debatten als auch selbstauferlegte Denkverbote in der gegenwärtigen Wokeness-Diskussion und plädiert dafür, dass Theater statt Dystopien vermehrt Utopien und Anderswelten entwerfen solle. Abschließend fordert er mehr Raum für Ambiguität und Dialog, damit Kunst ihrer Aufgabe gerecht werden kann, dem Alltag eine poetische Dimension zu verleihen.
Die Burgtheater-Schauspielerin Safira Robens reflektiert in einem persönlichen Essay über ihre Erfahrungen mit Rassismus und struktureller Ausgrenzung im deutschsprachigen Theaterbetrieb. Anlass ist die aktuelle Blackfacing-Debatte am Schauspielhaus Hamburg, die sie an ein traumatisches Erlebnis beim Burgtheater erinnert: eine Inszenierung von Koltès' Stück mit dem N-Wort im Titel, nach der ein eskaliertes Publikumsgespräch sie körperlich krank werden ließ. Robens beschreibt zugleich bestärkende Momente ihrer Karriere, darunter Jelinek-Uraufführungen und die Produktion „Katharsis" über den Afrowienern Angelo Soliman und seine Tochter am Burgtheater, wo sich das Publikum und die Kantine sichtbar verändert hätten. Die 1994 geborene Schauspielerin, die vor Wien in Lissabon tätig war, wo ihre Hautfarbe keine Rolle gespielt habe, fordert ein Theater, das Europas koloniale Geschichte anerkennt und künstlerisch verarbeitet. Sie zeigt sich trotz aller Kritik optimistisch über einen spürbaren, wenn auch langsamen Wandel im Burgtheater und im Wiener Kulturbetrieb insgesamt.
Bernd Schmidt, Geschäftsführer des Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs, erklärt im Interview mit der Zeitschrift „Die Deutsche Bühne", wie literarische Stoffe für die Bühne erschlossen werden: über enge Zusammenarbeit mit Buchverlagen, auf Initiative von Theatern oder durch eigene Lektüre. Seine Bühnenfassung von Karsten Dusses Kriminalkomödie „Achtsam morden" entstand während der Corona-Pandemie 2020, als der Theaterbetrieb stillstand. Schmidt betont, dass die Zustimmung der Autor:innen stets am Anfang jeder Bearbeitung stehen müsse und ein frühzeitiges Exposé spätere Konflikte vermeide. Zum Erfolg von „Achtsam morden" auf der Bühne trägt laut Schmidt bei, dass der Stoff ein neues Publikum ins Theater zieht, das die Romane bereits kannte. Generell plädiert er dafür, die Suche nach neuen Stoffen für das Theater offen zu halten und Adaptionen nicht grundsätzlich abzulehnen.
Das Festival Fast Forward, eine Werkschau junger europäischer Regisseurinnen und Regisseure am Dresdner Staatsschauspiel, fand vom 13. bis 16. November 2025 voraussichtlich zum letzten Mal statt. Aufgrund von Sparmaßnahmen des Landes Sachsen und damit verbundenen Kürzungen für das Staatsschauspiel wurde das Festival vorerst eingestellt. Intendant Joachim Klement hatte das 2011 in Braunschweig gegründete Festival 2017 nach Dresden gebracht; ob eine künftige Theaterleitung es wieder aufnimmt, ist offen. Das Festival, das verschiedene Dresdner Häuser sowie internationale Studierendengruppen anzog, galt laut Beteiligten als wichtige Plattform für junge Theaterschaffende und als Gegengewicht im kulturell eher konservativen Dresden. Gezeigt wurden unter anderem die Produktionen „Unruhe" von Nolwenn Peterschmitt und „Bidibibodibiboo" von Francesco Alberici.
Die Dramaturgische Gesellschaft (dg) hielt ihre Jahreskonferenz mit rund 400 Teilnehmenden auf Kampnagel in Hamburg ab und feierte dabei ihr 70-jähriges Bestehen. Unter dem Motto „Time to Care – Strategien von Inklusion und Empowerment gegen Politiken der Härte" diskutierten Speaker:innen aus dem Theaterbereich über barrierefreien Zugang, Inklusion in der Kunstproduktion sowie die Unterrepräsentation von Menschen mit Behinderungen auf und hinter der Bühne. Die Konferenz war selbst inklusiv gestaltet: Access friends, Gebärdensprachdolmetschen, Leichte Sprache und Rückzugsorte prägten das Tagungsformat. Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen, verwies auf rund 13 Millionen betroffene Menschen in Deutschland, die ein Recht auf kulturelle Teilhabe haben. Autorin Karolin Berg konstatiert eine Diskrepanz zwischen dem diversen Podium und dem weitgehend homogenen Publikum und appelliert an Theaterschaffende in Leitungspositionen, die Konferenzimpulse in ihre Institutionen zu tragen.
Beim 43. Heidelberger Stückemarkt, dem letzten unter Intendant Holger Schultze, war Kanada das Gastland. Am Abschlusswochenende des Festivals präsentierten freie Kollektive und Bühnenautorinnen und -autoren aus Kanada Stücke zu Themen wie Sklaverei, Abtreibung, Queerness und Inklusion. Den Internationalen Autor:innenpreis gewann die Kanadierin Erin Shields für ihr Stück „Zum Licht" über die Einbeziehung taubstummer Menschen ins Theater. Besonders hervorgehoben wurde das Gastspiel „Surveillée et punie" aus Montreal, in dem die queere Sängerin Safia Nolin Hunderte von Hass-Botschaften aus dem Internet zu einem Anti-Oratorium verdichtete und die Namen der Täter öffentlich machte.
Die 40. Bayerischen Theatertage finden vom 8. bis 25. Mai 2026 in Regensburg statt und stehen unter dem Motto „Vielfalt leben". Eine siebenköpfige Jury wählte aus 92 gesichteten Bewerberstunden 26 Produktionen von bayerischen Bühnen aus; 64 Theater hatten sich beworben. Das Festival hat auch strukturelle Bedeutung: Zum Auftakt wurde das Theater Regensburg offiziell zum Staatstheater erhoben. Das Programm umfasst neben klassischen Bühnenabenden – darunter die Europäische Erstaufführung von Paul Moravecs Oper „The Shining" – auch hybride Formate wie eine VR-Inszenierung des Staatstheaters Augsburg sowie partizipative Veranstaltungen im öffentlichen Stadtraum.
Die Regisseurin Ruth Mensah inszeniert am Essener Grillo-Theater die Uraufführung von „Maus, Geld, Gespenst" der Berliner Autorin Sunan Gu, eine Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Schauspiel Essen. Das 2025 mit dem Volksbühnenpreis für Theaterliteratur ausgezeichnete Stück folgt fünf miteinander verwobenen Figuren, die zwischen Berlin und Beijing mit Einsamkeit, Rassismus, kultureller Identität und sozialen Zwängen kämpfen. Mensahs Inszenierung arbeitet mit einer markanten Bildsprache: Die Darstellenden tragen übergroße Masken, agieren in rosaroten Kostümen auf einer sterilen Bühne und spielen mit Requisiten wie einem Fleischberg und giftgrünem Wackelpudding. Besonders hervorgehoben wird die körperliche Ausdrucksstärke des Ensembles, das trotz unbewegter Maskengesichter intensive emotionale Wirkung erzielt. Die Inszenierung stellt Themen wie strukturellen Rassismus, Wohlstand und kulturelle Aneignung ohne didaktische Führung offen in den Raum.
Mit Arthur Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land" verabschiedet sich Nicola May nach 22 Jahren als Intendantin vom Theater Baden-Baden. Die Inszenierung zeigt das verlogene Treiben des Wiener Bürgertums vor dem Ersten Weltkrieg, in dem der Unternehmer Friedrich Hofreiter (Sebastian Mirow) seine Frau Genia (Constanze Weinig) betrügt und schließlich ein Duell mit dem jungen Marineoffizier Otto provoziert. May setzt auf konventionelles Schauspielertheater mit heiterem Freizeitflair – Kostüme im Tennislook, ein idyllisches Bühnenbild – und bleibt damit nach Einschätzung der Kritikerin an der Oberfläche des Stücks. Die psychologischen Abgründe, die Schnitzler in seinem Text anlegt, werden in dieser Produktion nicht ausgelotet; die Inszenierung verharrt im gesellschaftlichen Konversationston.